
Schriftsteller geworden
bin ich unabsichtlich auf dem Weg über eine Reihe vertrackter Missverständnisse.
Ich gehörte von 1966 bis 1991 dem Trappistenorden an.
Trappisten sollten nicht reden und erst recht keine Bücher schreiben.
Nun kam Anfang 1977 meinem Abt eine Anfrage aus Freiburg i. Br. auf den Tisch, ob ich auf einer Tagung über die verschiedenen Formen des christlichen Gemeinschaftslebens ein Referat halten könnte. Sie stammte vom Direktor der dortigen Katholischen Akademie Dr. Joseph Sauer. Dieser war bis vor kurzem Regens des Collegium Borromaeum, des Studienhauses der Freiburger Priesterkandidaten gewesen. Er hatte seit 1969 kostenlos vier oder fünf junge Mönche aus meiner Abtei während ihres Theologiestudiums in Freiburg beherbergt, darunter von 1969 bis 1971 auch mich.
Mein Abt rief mich und erklärte mir, angesichts dieser großen Gastfreundschaft fühle er sich außer Stande, nein zu sagen, wenn nun einmal Direktor Sauer eine Bitte an uns habe.
So wies er mich an, in aller Stille gegenüber dem Konvent den Vortrag zu halten. Ich fehlte kurz zwei Tage, war dann wieder da und alles schien ohne Aufsehen überstanden zu sein.
Nach vier Wochen kam ein Schreiben aus Freiburg, es sei geplant, die Vorträge dieser Tagung in Buchform zu veröffentlichen. Ob mein Abt den Abdruck meines Textes genehmige? Er konnte wieder schlecht Nein sagen.
So erschien Anfang 1978 der Sammelband „Lebenswege des Glaubens.“ Die Gefahr, dass mein Vortrags-Delikt bekannt werde, stieg, aber im Umkreis unseres Klosters merkte man zum Glück nichts.
Ein halbes Jahr danach kam wieder ein Schreiben des Herder-Verlags aus Freiburg: Generalvikar Dr. Schlund, der damals noch die Bücher las, um über das Imprimatur zu entscheiden, sei von meinem Beitrag äußerst angetan und dränge darauf, meinen Text – wenn möglich in erweiterter Form – als eigenes Buch erscheinen zu lassen.
Mein Abt winkte ab. Ein Vierteljahr danach kam die Anfrage noch einmal, mit Unterstützung durch Dr. Sauer. Mein Abt fühlte sich wieder in der Klemme und vertröstete auf später.
So ging das bis Anfang 1979. Dann wurde mein Abt schließlich mürbe und sagte zu mir: „Dann schreiben sie halt noch ein bisschen mehr und wir lassen das drucken!“
Ich machte mich an die Arbeit, schickte meinen Text ein und wir hatten wieder ein halbes Jahr Ruhe.
Im Frühjahr 1980 kam eines Tages ein schweres Paket ins Haus. Mein Abt und ich packten es im Abtszimmer aus. Es enthielt zwanzig Exemplare meines ersten Buchs: „Ein anderes Leben. Was ein Mönch erfährt“.
Mein Abt sagte: „Jetzt muss ich das den Mitbrüdern eröffnen.“ Am Abend stellte er das Buch mit vielen umständlichen Erklärungen vor und meinte: „Na ja, vielleicht ist das ja sogar eine Werbung für unseren Klosternachwuchs. Aber das war aus wichtigen Gründen eine Ausnahme.“
Das Buch wurde ein großer Erfolg und erschien auch in Übersetzungen in Frankreich und den USA. Nach einem guten Jahr drängte der Verlag darauf, ein Folgebuch erscheinen zu lassen, denn es sei unverantwortlich, wenn man so viele Menschen anspreche, jetzt einfach wieder zu verstummen. Mein Ruf als schweigender Trappist war ohnehin verdorben.
So ließ mich mein Abt dann eben Schriftsteller werden.

Von meinen Büchern
sind derzeit viele vergriffen,
aber antiquarisch sind so gut wie alle noch zu finden.
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